Wie wir Beziehungen knüpfen

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Wie wir Beziehungen knüpfen
GutscheinLike hat für Sie ein vieldeutiges, aber lesenswertes Essay übersetzt, das sich befasst mit der Beziehung der heutigen Menschen zu sich selbst, zueinander und zum Leben überhaupt.

— Wir bemühen uns nicht mehr.


Wir sehen einfach keinen Sinn darin. Uns wurde immer gesagt, dass es im Meer genug Fische für alle gibt. Aber jetzt befinden sich all diese Fische direkt in unserer Reichweite — auf Handys, Tablets und in Dating Apps —, sodass wir uns nur zu bedienen brauchen. Wir können uns einen Menschen ebenso bestellen, wie wir in einem Internet-Magazin ein iPad bestellen. Mit Lieferung frei Haus. Wir glauben, dass Nähe darin besteht, sich gegenseitig Smileys zu schicken. Eine SMS zum "Guten Morgen" halten wir für eine Heldentat. Wir sagen, die Romantik sei tot. Vielleicht ist das so, aber vielleicht müssen wir sie einfach nur wieder neu entdecken. Vielleicht bedeutet Romantik in unserer Zeit, während des Abendessens das Handy zur Seite zu legen und einander in die Augen zu schauen. Vielleicht ist die Romantik immer noch da, aber wir wissen nicht mehr, wie sie aussieht.

Selbst wenn wir uns schon für einen Partner entschieden haben, ist unser Blick weiterhin auf der Suche nach anderen Formen von Nähe. Weil wir die Auswahl haben. Und diese Auswahl wird und zum Verhängnis. Wir glauben, es sei um so besser, je mehr Chancen wir haben. Aber im Grunde wird dadurch alles irgendwie "verwässert". Auf diese Weise sind wir niemals zufrieden. Unterm Strich verstehen wir gar nicht mehr, was Zufriedenheit eigentlich ist. Wir wissen nicht mehr, wie sie aussieht, wie sie klingt und wie sie sich anfühlt. Mit einem Bein sind wir immer noch irgendwo anders, weil es dort, hinter der Tür, noch mehr Möglichkeiten gibt. Mehr, mehr, mehr.

Wir beruhigen uns und lenken uns ab.

Aber wenn wir nicht mehr die Kraft haben, unseren eigenen "Dämonen" ins Gesicht zu sehen — wie können wir dann noch jemanden lieben, wo das doch noch viel schwerer ist? Wir geben auf und gehen. Tatsächlich sehen wir die Welt so grenzenlos, wie sie keine Generation vor uns je gesehen hat. Wir können eine neue Registerkarte im Browser öffnen, zufällig auf Bilder aus Portugal stoßen, die Kreditkarte aus der Brieftasche holen und direkt ein Flugticket buchen. Wir tun das normalerweise nicht, aber wir können. Wir können es sogar dann, wenn wir nicht viel Geld auf dem Konto haben.

Stattdessen quälen wir uns selbst: Wir öffnen Instagram und betrachten das Leben andere Leute, das auch wir haben könnten. Wir betrachten Orte, an denen wir selbst niemals gewesen sind. Menschen, die wir nie getroffen haben. Wir "bombardieren" uns selbst mit äußeren Reizen und wundern uns dann noch, warum wir so unglücklich sind und warum sich alles irgendwie so hoffnungslos anfühlt. Hier ist der Grund: Wir haben nicht die geringste Vorstellung davon, worin unser eigenes Leben besteht, aber dafür haben wir ganz klar vor Augen, worin es nicht besteht.

Nehmen wir an, wir finden einen Menschen, den wir lieben und der uns liebt. Ein Heiratsantrag. Die große Nähe. "Ich liebe dich." Ja, das alles hatten wir. Und dann stellen wir mit blitzartiger Geschwindigkeit unsere Liebe zur Schau. Wir ändern unseren Status auf Facebook und sagen aller Welt, dass wir jetzt in einer Beziehung sind. Wir stellen unsere Fotos auf Instagram ein. Wir werden zu "wir". Dieses "Wir" muss blendend und perfekt aussehen. Deswegen teilen wir nicht unsere bis 3 Uhr nachts andauernden Streitereien, wir zeigen keine Fotos unserer roten Augen und nassgeweinten Bettlaken. Wir twittern nicht darüber, dass wir vor einer Minute ein Gespräch hatten, das die Zukunft unserer Beziehung in Frage stellt. Nein, solche Dinge teilen wir nicht. Wir zeigen ein glückliches Paar mit einer idealen Beziehung.

Dann sehen wir andere, ebenso "glückliche" Päärchen.

Und wir vergleichen uns mit ihnen. Wir sind zur Generation der Emoticons geworden. Zur Generation der Auswahl. Zur Generation des Vergleichens. Zur Generation, die sich an Likes misst. Gut. Ziemlich gut. Bestens. Nie zuvor hatten wir einen solchen Überfluss an Markern dafür, wie das "bestmögliche" Leben auszusehen hat. Wir drücken "enter", "enter", "enter" und geraten schnell in Verzweiflung.

Wir werden niemals gut genug sein, weil das, was wir zu messen versuchen — verflixt nochmal — gar nicht existiert. Dieses Leben gibt es nicht. So, wie es auch diese Beziehung nicht gibt. Aber wir können das nicht glauben. Wir haben es doch mit eigenen Augen gesehen, auf unsere eigenen Facebook-Seite. Und wir wollen es. Und wir werden leiden, solange wir es nicht bekommen.

Und wir trennen uns. Weil wir selbst nicht gut genug sind, und weil unsere Beziehung und unser Leben nicht dem vermeintlichen Ideal entspricht. Erneut durchstöbern wir die Seiten mit den Profilen. Wieder bestellen wir jemanden, wie eine Pizza, direkt bis an unsere Haustür. Und alles fängt wieder von vorne an. Emoticons. Sex. SMS zum "Guten Morgen". Ein gemeinsames Selfie. Ein strahlendes, glückliches Paar. Wir vergleichen. Wir vergleichen. Wir vergleichen. Unausweichlich und unbemerkt überkommt uns eine neue Welle der Unzufriedenheit. Nächtliche Streits. "Mit uns stimmt etwas nicht." "Das funktioniert nicht." "Ich brauche mehr." Und wir gehen auseinander. Noch eine verlorene Liebe.

Und beim nächsten Mal wird es genau dasselbe sein.

Noch ein schneller Erfolg. Noch ein Versuch, das Leben auf Twitter in 140 Zeichen zu packen, in eingefrorene, gefilterte Bilder, in vier Kinoabende. Wir sind so besorgt um den Aufbau eines glänzenden, glücklichen Lebens. Aber was ist das Ideal, und wer hat es sich ausgedacht? Wir wissen es nicht, aber wir wollen es um jeden Preis erreichen.

Aber dieses "Mehr", dem wir ständig hinterherjagen, ist eine Lüge. In Wirklichkeit wollen wir am Telefon plaudern. Wir wollen das Gesicht des geliebten Menschen tatsächlich vor uns sehen, nicht nur auf dem Bildschirm. Wir wollen, dass sich alles langsam entwickelt. Wir wollen Einfachheit. Wir wollen, dass unser Leben sich nicht in Likes, Shares, Abonnenten, Kommentaren und Stimmen erschöpft. Vielleicht wissen wir noch gar nicht, dass wir das wollen, aber es ist trotzdem so. Wir wollen eine tiefe, echte Verbindung. Wir wollen eine Liebe, die nicht zerstört, sondern aufbaut. Wir wollen die Menschen zu Hause besuchen. Wir wollen am Ende unserer Tage sicher sein, dass wir ein sinnvolles Leben gelebt haben. Das ist es, was wir wollen. Selbst wenn wir das noch nicht wissen.

Trotzdem leben wir noch nicht so. Deshalb lieben wir auch noch nicht.

Bildquelle: pixabay
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